St. Pauli POP
ST. PAULI POP
1217 - St. Pauli lebt!
0:00
-1:47:33

1217 - St. Pauli lebt!

Es ist viel zu gute Stimmung rund um den FC St. Pauli. Da kann doch was nicht stimmen? St. POP OG Podcast zum Saisonstart 2026/27 - wie immer mit Glaskugel

Leute, das war eine Überraschung. Heute trafen sich Willi und ich zum obligatorischen Saison-Glaskugel-Popcast - und wer kam mit? Alfetta, nun bekannt als 1217 - und er lebt. Und wie.

Der 1. St. Pauli Popcast der Saison 2026/27:

“Keine Balladen, nur Abriss”,
Willi - Co-Host St. POP

Atomraketen in der Schanze

St. Pauli POP – Folge „1217 lebt” · Laufzeit 1:47:33

Es ist 19.10 Uhr, als das Mikrofon angeht, und weil das schon eine Behauptung ist, wird sie sofort beglaubigt: „Also es war eben 19.10 Uhr, als wir uns getroffen haben, bevor wir die Technik verstöpselt haben. Aber das geht noch durch als 19.10 Uhr.” So beginnt eine Sendung, die eine längere Pause hinter sich hat. Schanzenhöfe, Lagerstraße, zwischen Ratsherrn und Tim Mälzer, die Sonne fällt schräg über den Hof, und Willi hat einen Zettel mitgebracht, den er selbst nicht entziffern kann. „Nee, aber wenn ich mit dem Finger rübergleite, summt sich das über meine Haut in meinen Mund sozusagen.”

Der Zettel ist das Programm. Er hält etwa zwanzig Minuten.

Vorher wird noch getauft. Aus Markus ist eine Zahl geworden: „Ich heiße nicht Markus, ich heiße 1217.” Der Tisch nimmt das auf wie einen Vorsängergesang, fünfmal hintereinander, 1217 lebt, und damit steht der Titel der Folge. Markus, wird beiläufig mitgeteilt, sei „retired”.

Erstens: der Kapitän

Wir sind in der Zwischenzeit. Der WM-Kater ist noch nicht ganz weg, der Zweitliga-Neustart noch nicht da, und die Kapitänsfrage soll laut dem neuen Trainer Anfang der Woche geklärt werden. Irvine ist verletzt, wird Vater, und die Prognose am Tisch ist so präzise wie fatalistisch: Er bleibt Kapitän, kriegt einen Vize an die Seite, und dann wird er „quasi der Kapitän auf der Bank und der Kapitän im Training, der Kapitän hinter den Kulissen.” Die Jobteilung von vor drei Jahren, nur diesmal ohne es zuzugeben – „den Fehler machen sie nicht nochmal.”

Das eigentliche Thema ist ein anderes. Der Mannschaftsrat ist entmachtet, zwei sind übrig, beide mit einem Fuß aus der Tür, und das Transferfenster schließt erst in der ersten Septemberwoche. Es wird eine Kaltprobe gefahren: Was steht auf dem Platz, wenn die Besten nicht mehr da sind. Dazu die eine Nachricht, die alles über die Stimmungslage sagt: Die Mannschaft spielt Karten. Nicht per App. Wirklich Karten, mit den Händen, freiwillig. „Die haben sich selber gelegt, die Karten.” Man muss ein Jahr wie das letzte hinter sich haben, um das für eine Sensation zu halten – und dieser Tisch hält es dafür. „Wir haben Ballast abgeworfen.”

Zur neuen Spielidee steht auf dem unlesbaren Zettel das Wort „Raps”. Gemeint ist die Spieleröffnung: kein Hintenrumgeschiebe mehr, sondern der lange Schlag. Die Begründung ist von einer Klarheit, die jede Taktiktafel überflüssig macht: „Und dann weißt du was, wenn der Ball in der gegnerischen Hälfte ist, dann kann er nicht bei uns einschlagen.”

Zweitens: die Brücke

Und dann kippt die Folge, wie sie immer kippt, wenn drei Leute lange genug im Stadtteil sitzen. Über der Runde steht der Heinrich-Hertz-Turm, 70er-Jahre, Beton-Barock, und ein paar Hundert Meter weiter die neue Sternbrücke, die es in die Tagesschau geschafft hat. Die Bildbeschreibung des Abends: „Da ist ein Kriegsschiff reingefahren.” – „Eine Fregatte.” – „Und irgendwie ist sie hängen geblieben.” – „Von den Landungsbrücken falsch abgebogen.” – „Wahrscheinlich kommt sie aus England und die Mannschaft ist versackt.”

Man kann darüber lachen und trotzdem hören, was darunter liegt. Fünfmal am Tag geht einer hier vorbei, sieht die Menschentrauben mit den Handys und denkt: „Gott ey, das ist einfach nur schlimm.” Der Einwand kommt vom eigenen Tisch: dass die Bahn saniert werden muss, dass es keine ernstzunehmende Alternative gab, dass sich die Stadt für nichts engagiert hat. Und die Bilanz, die bleibt: „Wir werden seit über zehn Jahren von einer grünen Partei mitregiert. Und dann passieren solche Sachen.” Der Hauptbahnhof platzt aus allen Nähten, aber die Dimension gibt es nur für die Brücke.

Dazwischen der beste Vorschlag der Sendung: „Wenn diese Brücke so viel trägt, dann kann man die Clubs doch da drunter hängen.” Das Licht sei ja schon da.

Drittens: das Geld

Womit man beim eigentlichen Riss ist. Die Zeiten für Clubs und Bühnen werden nicht besser, sie werden schlechter, und am Tisch fällt der Satz, der stimmt und ein bisschen zu weit geht: dass selbst das Reeperbahn Festival keine Förderung mehr bekomme. „Herr Weimar, was ist da los?”

Der Genauigkeit halber: Gestrichen wird nicht, halbiert wird. Die Bundesmittel lagen 2025 bei 6,27 Millionen Euro, für 2026 sind sie auf rund 4,5 Millionen gesunken, und im Haushaltsentwurf für 2027 stehen drei Millionen. Rund eine Million davon soll den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth zugutekommen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat die Kürzung bei einem Hamburg-Besuch angekündigt, die SPD-Fraktion in der Bürgerschaft nennt seine Kulturpolitik „deutliche Schlagseite”. Das Festival findet trotzdem statt, vom 16. bis 19. September, zum 21. Mal.

Die Konsequenz am Tisch ist unpathetisch: „Die Zeiten werden rauer, wir müssen zusammenrücken.” Also support your local Club, support your local Bühne, support your local Buchhandlung – und, weil der Kalauer sein muss, „support your local griechisches Restaurant”. Der Kampnagel-Sommerfestival-Tipp geht raus, ein CSD mit erstmals rund 300.000 Menschen wird nachgetragen, der Mitschnitt liegt bei Mixcloud. Wer Bier spendet, wird namentlich bedankt: dreizehn Leute.

Viertens: die Antwort

Das Gegengift kommt aus London und hat letzte Woche im Molotow gespielt. Die Molotovs im Molotow – man muss sich das nicht ausdenken, es passiert einfach. Ein Geschwisterpaar, Mathew und Issey Cartlidge, er Gitarre, sie Bass, dazu ein Drummer; Mod-Schnitt, scharfe Anzüge, Debütalbum „Wasted on Youth” im Januar bei Marshall Records erschienen und in Großbritannien auf Platz drei eingestiegen. Am Tisch klingt das so: „Und es gab keine Balladen, es gab nur Abriss.”

Das schönste Detail der ganzen Folge steht aber nicht auf der Bühne, sondern daneben. „Und auf dem Konzert stand tatsächlich die Mutter neben mir.” Man kommt ins Gespräch, wie ist das so, die eigenen Kinder da oben zu sehen. Zwei Lieder gehen auf die Playlist.

Genau hier liegt die Pointe der Sendung, ohne dass sie ausgesprochen wird. Während in der Schanze diskutiert wird, was unwiederbringlich verloren geht, spielen zwei Twens 1977 nach, als wäre es nie passiert, und fragen niemanden um Erlaubnis.

Fünftens: was verschwindet

Der elegische Teil kommt spät und ist der ehrlichste. Ein Testspiel bei Altona 93, Dauerregen, das Licht wurde vom Schauer verschluckt: „Und ich habe Fußball gesehen, wie er sein soll.” Dann der Kulturtipp mit Verfallsdatum: Geht in die Adolf-Jäger-Kampfbahn, zwei Jahre noch. „Wer es bis dahin nicht geschafft hat, wird es nie wieder erleben.” Danach ein Neubau, ein First Pitch, und „es wird alles ganz unangenehm.” Es ist derselbe Satz wie bei der Brücke: „Da wird einfach was unwiederbringlich verloren gehen.”

Aus der Verlustliste wird dann eine Wunschliste. Marstal auf Ærø, Oberneuland, Meppen, Schwarz-Weiß Essen, Westfalia Herne, Hercules Kassel – Fußballkultur pur, und eine Wurst gibt es da auch. Nach Rot-Weiß Essen geht es am 23. August wirklich, spät angesetzt, wahrscheinlich ausverkauft. Mallorca wird per Dekret ausgeschlossen. Die Hörerschaft darf Auswärtsfahrten vorschlagen.

Und weil Nostalgie nie ohne Selbstwiderspruch auskommt, folgt die Klage, St. Pauli sei „doch wieder viel zu lieb”, früher sei alles unterhaltsamer gewesen – unmittelbar bevor 1860 München als abschreckendes Beispiel durchgenommen wird, das echte alte St. Pauli, mit hausgemachtem Missmanagement und einer Rekordzahl an Mitgliedern. „60 hat so viele Freunde, dass sie keine Feinde brauchen.” Man will die wilden Zeiten zurück, aber bitte ohne den Zustand, der sie hervorgebracht hat.

Zum Schluss die Kugel

Die Prognosen fallen erwartbar auseinander: Weihnachten Platz fünf, am Ende Platz drei. Weihnachten Platz fünfzehn, am Ende Platz sieben. Und Platz sechs. „Sag mal, was seid ihr hier für Fans?”

Danach noch Infantino, ein Vergleich mit Putin und Medwedew, und die schönste Distanzierung, die dieser Podcast bisher zustande gebracht hat: „Dieser Podcast distanziert sich von den Machenschaften von Gianni Infantino und von Präsident Trump.”

Ganz am Ende, nach der Wachmann-Anekdote über die Landesbank und das, was da früher bewacht wurde, kommt der Titelvorschlag, der es diesmal nicht geworden ist. „Atomraketen in der Schanze. Ich glaube, ich finde ihn noch besser als 1217.” Er hat recht. Aber 1217 lebt ist der richtige Titel, weil er beschreibt, was hier eigentlich verhandelt wird: Ein Mann benennt sich nach einer Zahl, der Tisch skandiert es wie einen Kurvengesang, und siebzehn Wochen später ist die Sendung immer noch da.

Wir sind wieder da. Nächste Woche mehr.


Redaktionelle Hinweise

Gegengeprüft

  • Reeperbahn Festival: In der Folge fällt der Satz, das Festival solle „keine Förderung mehr bekommen”. Tatsächlich wird halbiert, nicht gestrichen – 6,27 Mio (2025), rund 4,5 Mio (2026), 3 Mio im Haushaltsentwurf 2027, davon rund 1 Mio nach Bayreuth. Kulturstaatsminister ist Wolfram Weimer, die SPD-Bürgerschaftsfraktion kritisierte das am 16. Juli 2026. Festivaltermin: 16.–19. September 2026, 21. Ausgabe. Im Newsletter entsprechend korrigiert.

  • The Molotovs: Geschwister Mathew und Issey Cartlidge, London, gegründet 2020, Mod/Punk, Debütalbum „Wasted on Youth” (30.01.2026, Marshall Records, UK-Charts Platz 3). Die im Podcast vermutete Fred-Perry-Partnerschaft habe ich nicht bestätigen können und deshalb weggelassen.

Diskussion über diese Episode

Avatar von User

Sind Sie bereit für mehr?